Die Mistel findet
seit der Antike therapeutischen Einsatz in verschiedensten
Zusammensetzungen und bei unterschiedlichsten Erkrankungen.
Aber erst seit Beginn dieses Jahrhunderts werden
Mistelextrakte zur Behandlung von Krebserkrankungen
eingesetzt.
Bislang wurden
Mistelextrakte allerdings von der "Schulmedizin" in die
Gruppe der Medikamente mit vermeintlicher, jedoch nicht
ausreichend nachgewiesener Wirksamkeit eingeordnet. Die
klinische Erfahrung zeigt jedoch, daß gerade
Naturheilkundearzneien von seiten der Patienten ein
bemerkenswerter Vertrauensvorschuß eingeräumt wird. Um zu
zeigen, inwiefern diese positive Beurteilung durch die
Patienten gerechtfertigt ist, und um eine
verantwortungsbewußte Anwendung nach den bekannten (schul-)medizinischen/ naturwissenschaftlichen
Kriterien auszuarbeiten, wurden Mistelpräparate auf ihre
Wirksamkeit überprüft.
Möglich wurde dieser Schritt, nachdem es gelungen war, die
Inhaltsstoffe der Mistel strukturell aufzuklären und ihre
pharmakologischen Wirkungen zu untersuchen. Dabei zeigte
sich, daß von der Vielzahl der Mistel-Inhaltsstoffe im
wesentlichen die Lektine für die in der Behandlung von
Krebserkrankungen erwünschten Wirkungen in Frage kommen.
Lektine besitzen sowohl immunmodulierende (d.h. die
körpereigenen Abwehrkräfte stärkende) als auch zytotoxische
(d.h. zelltötende) Wirkungen.
Unterschieden werden drei verschiedene Lektine: ML-1, ML-2
und ML-3. Vor allem durch die Definition der immunaktiven
Komponenten und Evaluation der durch sie bedingten
pharmakologischen und immunologischen Reaktionen wird die
klinische Anwendung der Mistelpräparate standardisierbar und
damit (schul-)medizinisch relevant. In den bislang in
unserer Arbeitsgruppe durchgeführten Untersuchungen konnte
die immunaktive Wirkung des ML-1 nachgewiesen werden. Die
nachgewiesenen Wirkungen bezogen sich auf verschiedene
Immunparameter wie z.B. die Erhöhung der Anzahl der
natürlichen Killerzellen im Blut.
Da die Konzentration des Mistel-Inhaltsstoffes aus der
Gruppe der Lektine in den pflanzlichen Extrakten von einer
Vielzahl von Faktoren (z.B. Wirtsbaum der Mistel, Jahreszeit
der Ernte, Jahr der Ernte) abhängt, schwanken die
Lektin-Gehalte stark.
Die Wichtigkeit einer konstanten Wirkstoffaktivität wird
jedoch vor dem Hintergrund der Dosis-Wirkungsbeziehung
besonders deutlich. Erst durch die Entwicklung eines
normierten und standardisierten
Mistel-Hauptwirkstoff-Präparats ist es seit kurzem möglich,
die natürlichen Schwankungen des Lektin-Gehalts
auszugleichen und eine von Ampulle zu Ampulle
gleichbleibende Wirkstoffmenge zu verabreichen. Diese
reproduzierbaren Wirkstoffmengen sind eine wesentliche
Voraussetzung für optimale Therapieergebnisse, zugleich aber
auch eine unverzichtbare Anforderung für ein Präparat, das
sich in klinischen Studien bewähren soll.
Durch diesen Fortschritt in der Mistel-Therapie ist eine
neue Standortbestimmung des Mistel-Einsatzes in der
Krebsbehandlung möglich geworden. Im Rahmen einer
unterstützenden Krebstherapie bietet die Mistel für Arzt und
Patient therapeutische Möglichkeiten, die bisher
unzureichend genutzt wurden. Operation, Strahlen- bzw.
Chemotherapie sind die Grundlagen der Therapie in der
Krebsbehandlung, aber sie sind, dem klassischen (schul)medizinischen
Ansatz "das Krankmachende beseitigen" entsprechend,
lediglich auf die direkte Tumordestruktion ausgerichtet.
Diese Therapien sind zum Teil mit erheblichen Nebenwirkungen
behaftet und wirken häufig immunsupressiv, d.h. sie
unterdrücken die körpereigenen Abwehrkräfte.
Ziel der unterstützenden Krebstherapie mit Wirkstoffen aus
der Mistel ist die rasche Wiederherstellung der
Lebensqualität und Leistungsfähigkeit der Patienten. Auch
Nebenwirkungen der klassischen Behandlungsformen lassen sich
hier lindern.
Die Misteltherapie bietet insbesondere Lösungen für
therapeutische Probleme in der Praxis der Krebsbehandlung
z.B. bei infektanfälligen Patienten mit abgeschwächtem
Immunsystem, niedergeschlagenen, depressiven Patienten,
Patienten in schlechtem Ernährungs- oder Allgemeinzustand
und Patienten mit Nebenwirkungen der klassischen
Behandlungen. Patienten mit einem guten Allgemein-, Immun-
und Ernährungszustand haben eine deutlich bessere Prognose.
So korreliert etwa die Aktivität der NK- Zellen mit der
Prognose. Die Beeinflussung der Krebserkrankungen erfolgt
damit auf einem unterstützenden Weg. Die Ausnutzung der
direkten zytotoxischen Aktivität der Lektine ist Gegenstand
weiterer Forschung.
Verfasser: Prof. Beuth, Köln