Kleine Kultur- und
Medizingeschichte der Mistel - Die Mistelpflanze
Merkwürdige
immergrüne Sträucher, die auf Bäumen wachsen, lenken im
Winter, wenn kein Laub die Sicht in die oberen Bereiche und
Kronen versperrt, den Blick auf die Mistel. Diesen
Halbparasit findet der interessierte Naturfreund vor allem
auf den Zweigen von Laubbäumen, seltener auf Nadelbäumen.
Die Mistel bevorzugt Pappeln, Apfelbäume und Tannen. Bei uns
in Mitteleuropa ist nur ein Vertreter der sonst in den
Tropen und in Südostasien häufig vorkommenden
Pflanzenfamilie bekannt: Viscum album, die weißbeerige Art,
die unserer immergrünen Mistel den Namen gab. Ihr
Wurzelsystem entzieht der Wirtspflanze Wasser und
Nährstoffe. Die pflanzliche Photosynthese führt der
Halbparasit Mistel selbst durch.
Die Mistel kann ein Wachstum von bis zu einem Meter
Durchmesser erreichen. Die Botaniker beschreiben sie mit
"länglichen, stumpfen, lederartigen Blättern, gelben Blüten
und weißen Beerenfrüchten." Die Blüten stehen in kleinen
Gruppen beisammen und öffnen sich im zeitigen Frühjahr. Die
Mistelbeeren werden erst im Dezember reif und bilden dann in
der futterarmen Jahreszeit eine willkommene Nahrung für
Vögel, insbesondere Drosseln. Sie sorgen für die
Weiterverbreitung der Mistel.
Umgeben von einem zähen Schleim ("weißer Vogelleim – Viscum
album"), sorgen die Keimlinge, vom Vogel am Wirtsbaum
abgestreift oder mit dem Kot ausgeschieden, dafür, dass die
Pflanze ihre Saugwurzeln schnell in das Holz einwachsen
lassen kann.
Vom Mythos der Mistel
Die Mistel ist eine
der symbolmächtigen Pflanzen unseres Kulturkreises. Schon in
grauer Vorzeit war sie das Zeichen für Zauberkraft, Macht
und Reichtum. Sie verlieh den Helden der griechischen
Mythologie die Kraft, die Pforten des Hades oder auch den
Totenfluss Styx zu überwinden.
Die nordische Mythologie wies ihr als Attribut von Odin
höchste Priorität zu. Überliefert wurde die schreckliche
Geschichte vom blinden Wintergott Höder, der den Sonnen- und
Sommergott Balder mit einem angespitzten Mistelzweig tötete.
Mit dem zur Wintersonnenwende gesammelten Mistelkraut
schmückten unsere Vorfahren Haus und Hof. Sie glaubten an
seine belebende, glückbringende, Übel und Krankheit
abwendende Kraft.
Für die keltischen Druiden, Priester und Heilkundige in
Gallien und Britannien, war die Mistel die heilige Pflanze
überhaupt. Zu genau bestimmten Zeiten wurde sie mit goldenen
Sichelmessern von den Bäumen, vorzugsweise von den
Wintereichen, geschnitten.
Die Mistel, Heilmittel seit der
Antike
Die ältesten
überlieferten Erwähnungen über den therapeutischen Einsatz
der Mistel stammen wohl von Hippokrates (460-373 v. Chr.)
und Plinius dem Älteren (24 bis 79 n. Chr.). Neben der
kultischen Verehrung berichten beide über spezielle
Einsatzgebiete und unterschiedliche Krankheitsbilder, die
sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben.
Zwischenzeitlich frischten Paracelsus und Hufeland mit ihren
Beobachtungen und Rezepturen das Jahrhunderte alte Wissen
zum Viscum album wieder auf.
Von Hippokrates gegen 'Milzsucht', von Plinius gegen
Epilepsie und Schwindel, von Hildegard von Bingen gegen
Leberleiden eingesetzt, vermochte die Mistel das ihr
zugeschriebene Heilungspotential über alle Zeitläufte hinweg
zu erhalten. Mehr und mehr wurde sie bei Fieber,
Wundschmerz, Hauterkrankungen, Migräne, Blutungen und Gicht,
selbst bei Wurmbefall eingesetzt.
In erster Linie wurden das Mistelkraut und die Beeren zu
Tees, Kaltextrakten oder Presssäften verarbeitet. Den
Beerenschleim brachte man direkt auf entzündete Gelenke auf.
Die Misteltherapie bei
Krebserkrankungen
Dass die Mistel als
immunstimulierendes Arzneimittel in der Krebsbegleittherapie
bekannt ist und in der Therapie gegen bestimmte
Krebserkrankungen einzusetzen ist, verdanken wir zwei
Forscherpersönlichkeiten unseres Jahrhunderts. Aus ganz
unterschiedlichen Denkansätzen heraus gelangten beide zu der
Überzeugung, dass über die Mythologie und die Überlieferung
hinaus die Mistel ein bedeutendes Heilungspotential in sich
birgt. Rudolf Steiner (1861-1925) empfahl sie, basierend auf
dem geisteswissenschaftlichen Ansatz der Anthroposophie.
Gerhard Madaus (1890-1942) entwickelte ein
schulmedizinisches Konzept für den Einsatz bei
Krebserkrankungen. Seit 1930 wird die Wirkung der
verschiedenen Substanzen in Mistelextrakten experimentell
untersucht.
Schon in den Anfängen der Mistelforschung wurde
nachgewiesen, dass frisch gepresster Mistelbrei die
Zellvermehrung beeinflusst. Heute weiß man mehr und
Genaueres über die Wirkung der Mistel. Zahlreiche
internationale Laborstudien mit modernen
Untersuchungsmethoden zeigen, dass bestimmte Substanzen aus
der Mistel immunstimmulierend wirken und die Zahl und
Aktivität der natürlichen Killerzellen, die für die
körpereigene Krebsabwehr verantwortlich sind, steigern
können.